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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hoher Stress und enorme Energieverschwendung durch Spam-Mails (BWGZ 14/2010)



Jutta Berkemer-Ziegler
03.08.2010, 13:42
* Nachdruck aus lab.mag, Magazin für IT-Sicherheit im Unternehmen, von Kaspersky lab in Ingolstadt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.

Für den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung ist Spam eine Plage, für die Verursacher ist es ein Geschäft. Und dieses Geschäft unterliegt den gleichen Zyklen wie die allgemeine Wirtschaft. Mit dem Ende der Krise bedeutet das: Spam is back.

Mit 400 Nachrichten fing alles an. 400 Nachrichten, mit denen DEC-Mitarbeiter Gary Thuerk Zubehör für DECs System-20-Minicomputer verkaufen wollte. Auch wenn es 1978 noch keinen Namen dafür gab, hatte Thuerk die ersten Spam-Mails verschickt. Und zwei wesentliche Aspekte haben sich seit damals nicht geändert: Die meisten Empfänger empfanden die Nachricht als störend, und nur ein kleiner Prozentsatz kaufte die beworbenen Produkte. Angeblich soll Thuerk mit den 400 Nachrichten dennoch knapp zwei Millionen Dollar Umsatz generiert haben. Aus den 400 Mails sind heute fast unzählbar viele Nachrichten geworden, die Tag für Tag gesendet werden, nur um in den meisten Fällen ihr Ziel nie zu erreichen.

Denn Mailprogramme ohne Spam-Filter sind heute zu einer Seltenheit geworden. Schon 2008 benutzten nach Angaben von BiTKOM 75 Prozent aller Deutschen einen solchen Filter. Die Zahl dürfte seitdem nochmals angestiegen sein; vor allem, weil praktisch jeder Provider Spam mittlerweile schon auf seinen Mailservern aussortiert.
Nach einer Studie der European Network and Information Security Agency (ENISA) erreichen nur etwa 4,6 Prozent aller versendeten E-Mails ein Postfach. In der gleichen Studie beurteilten 70 Prozent der Befragten Spam als äußerst signifikant für ihre Sicherheit. Selbst kleine E-Mail-Provider mit maximal 1.000 Mailboxen reservieren Anti-Spam-Budgets von mehr als 10.000 Euro pro Jahr, ein Drittel der sehr großen Anbieter legt mehr als 1 Million Euro für die Spam-Bekämpfung zur Seite. Pascal Manzano, verantwortlich für die ENISA-Studie, sieht trotzdem nur eine Richtung, wenn es um Spam geht: nach oben! „Der Anteil von Spam an den gesamten E-Mails dieser Welt hat in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent zugenommen. Weil Spam funktioniert. Spammer verdienen Geld!“, so der Experte.

Beeindruckende Zahlen
Dem Profit von wenigen stehen enorme Kosten beim Rest der Menschheit gegenüber. Schon 2004 sollen die Gesamtkosten durch Spam bei 25 Milliarden Euro gelegen haben. Mittlerweile gibt es Studien, die den ökonomischen und ökologischen Effekt der unerwünschten Nachrichten recht genau belegen: die Analysten von ICT beziffern die im Jahr 2008 verbrauchte Energie um Spam zu senden, zu verarbeiten und zu filtern auf 33 Terawattstunden (TWh). Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von 2,4 Millionen amerikanischen Haushalten und führt zu einem CO2-Ausstoß wie von 3,1 Millionen Autos, die 7,5 Milliarden Liter Benzin verbrauchen. Das sind keine Bagatellzahlen; dahinter verbirgt sich ein sehr realer Schaden für die Weltwirtschaft. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass Viren, Trojaner und Phishing-Angriffe oft Spams als Vehikel verwenden. Jede Vireninfektion eines PCs oder Servers treibt die Kostenbilanz um ein gutes Stück weiter ins Minus. Doch es könnte noch schlimmer kommen, denn das Filtern der Spam-Mails spart jährlich 135 Terawattstunden Strom. Wäre wirklich jeder Posteingang auf der Welt mit einem Spam-Filter ausgerüstet, könnte die aktuell für Spam verschwendete Energie um 75 Prozent reduziert werden. Dass der Wert nicht auf Null zurückgeht, hat mit der Verteilung der Energie auf verschiedene Aspekte des Spam-Lebenszyklus zu tun. Der größte Teil der Energie (80 Prozent) wird für das Löschen von Spam und das Suchen nach False-Positives durch Endbenutzer aufgewendet. Die Filterung selbst schlägt nur mit 16 Prozent des gesamten Energieverbrauchs zu Buche.

Konjunkturpaket für Spammer
Betrachtet man die Anbieterseite genauer, fallen interessante Analogien zur legitimen Wirtschaftswelt auf. Auch Spammer scheinen die Konjunkturzyklen zu spüren, genau so wie ein Kfz-Hersteller oder eine Werbeagentur. In einem Hintergrundartikel mit dem Titel „Spam als Spiegel der Wirtschaft“ analysiert Maria Namestnikova, Spam-Expertin bei Kaspersky Lab, das Businessmodell Spam. Wie in anderen Branchen auch, zeigt sich am Spam der Zustand der Weltwirtschaft. Die gute Nachricht: Die Wirtschaft erholt sich offensichtlich. Die schlechte: Spam leider auch.

Erfolg gibt Spam-Absendern Recht
Dass wirklich niemand sehnlichst auf eine neue Spam-Mail wartet, dürfte klar sein. Wie sehr Menschen jedoch Spam verabscheuen, überrascht dann doch immer wieder. Eine Umfrage von Yahoo unter 37.000 Internetnutzern in elf Ländern brachte Erstaunliches zutage: Während in Deutschland mehr als 80 Prozent der Internetnutzer Spam in der Mailbox sofort löschen, nimmt sich jeder zweite der sonst so freundlichen und beherrschten Japaner die Zeit, um eine verärgerte Antwort an den Spammer zu schreiben. Dass damit die eigene Adresse verifziert und noch intensiver mit Spam beschickt wird, scheint den Nutzern egal zu sein. Der Stress-Level, den die Nachrichten hervorrufen, ist beachtlich. Trotzdem hat Spam mit Sicherheit noch eine glorreiche Zukunft vor sich, wenn es nicht bald ein wirkungsvolles technisches Mittel gibt, das den Versand unmöglich macht. Denn die Yahoo-Umfrage brachte noch einen beachtenswerten Zahlenwert ans Tageslicht: Mehr als 20 Prozent der US-Amerikaner haben bereits Produkte von Spam-Anbietern gekauft.

Az. 049.10